Ein Tag ohne Frauen – als Island plötzlich stillstand
Der Kvennafrídagurinn, international bekannt als „Ein Tag ohne Frauen“, gehört zu den prägendsten Momenten der isländischen Geschichte. Er zeigt eindrucksvoll, welche Rolle Frauen für das Funktionieren der Gesellschaft spielen – und warum Gleichberechtigung in Island nicht vom Himmel gefallen ist.
Arbeit als Teil der Identität – auch für Frauen
Arbeit hat in Island traditionell einen hohen Stellenwert. Viele Menschen definieren sich stark über ihre berufliche Tätigkeit – und das gilt seit Jahrzehnten ebenso für Frauen. Bereits ab den 1960er‑Jahren waren die meisten Isländerinnen berufstätig, unabhängig davon, ob sie verheiratet waren oder Kinder hatten. Gleichzeitig trugen sie meist zusätzlich die Hauptverantwortung für Haushalt und Familie.
Bis heute sind über 80 % der Frauen in Island erwerbstätig. Dennoch blieben ihre Leistungen lange Zeit unterbewertet – insbesondere in Form von schlechterer Bezahlung und fehlender Anerkennung unbezahlter Arbeit im Alltag.
1975: Frauen legen ihre Arbeit nieder
Um genau darauf aufmerksam zu machen, organisierten isländische Frauenorganisationen im Jahr 1975 einen besonderen Protest: Frauen sollten an einem Tag weder ihrer bezahlten Arbeit nachgehen noch unbezahlte Arbeit zu Hause leisten.
Das Ausmaß war enorm: Rund90 % aller Frauen in Island beteiligten sich.
In Reykjavík versammelten sich etwa 20.000 Frauen im Stadtzentrum – damals die größte Demonstration, die das Land je erlebt hatte. Auch in vielen anderen Städten und Orten fanden Kundgebungen statt. Internationale Medien berichteten über diesen ungewöhnlichen und kraftvollen Protest.
Ein Tag, der den Alltag lahmlegte
Da fast alle Frauen teilnahmen – Ehefrauen, Mütter und Töchter – blieb den Männern wenig Spielraum. Sie mussten sich an diesem Tag um Kinder, Haushalt und Essen kümmern. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche Anekdoten über improvisierte Mahlzeiten und chaotische Haushalte.
Der Effekt war eindeutig: Innerhalb eines Tages wurde sichtbar, wie unverzichtbar die Arbeit von Frauen ist – sowohl im Berufsleben als auch im privaten Alltag.
Nachhaltige Wirkung auf die Gesellschaft
Der Kvennafrídagurinn von 1975 war kein symbolischer Akt ohne Folgen. Er markierte einen Wendepunkt in der Gleichstellungspolitik Islands. In den folgenden Jahren wurden wichtige Schritte unternommen, und 1980 wurde mit Vigdís Finnbogadóttir die erste demokratisch gewählte Präsidentin der Welt gewählt.
Der Frauenstreik wurde seither mehrfach wiederholt – zuletzt 2025, genau 50 Jahre nach dem ersten Kvennafrídagurinn. Dieses Mal wurde bewusst auch der Begriff Kvennaverkfall (Frauenstreik) verwendet, um zu betonen, dass Gleichberechtigung noch immer nicht vollständig erreicht ist. Der geschlechtsspezifische Lohnunterschied besteht weiterhin, auch wenn er kleiner geworden ist.
Veränderungen, von denen alle profitieren
Vieles hat sich seit 1975 verbessert. Väter übernehmen in Island heute einen großen Teil der Elternzeit – die Hälfte des gesetzlichen Elternurlaubs ist ihnen fest zugeteilt. Sie sind selbstverständlich in die Kinderbetreuung und den Familienalltag eingebunden. Davon profitieren Mütter, Kinder und nicht zuletzt die Väter selbst.
Der „Tag ohne Frauen“ ist daher mehr als ein historisches Ereignis. Er ist Teil der isländischen Identität – und erinnert daran, dass gesellschaftlicher Fortschritt sichtbar gemacht, eingefordert und immer wieder verteidigt werden muss.
Filmtipp: „Ein Tag ohne Frauen“ in der ARTE‑Mediathek
Wer tiefer in die Geschichte eintauchen möchte, dem sei die eindrucksvolle Dokumentation „Ein Tag ohne Frauen“ empfohlen. Der Film erzählt die Ereignisse des Frauenstreiks von 1975 aus der Perspektive der beteiligten Frauen – persönlich, bewegend und stellenweise mit feinem Humor.
Die Dokumentation war und ist in der ARTE‑Mediathek sowie auf arte.tv verfügbar und wurde anlässlich des 50‑jährigen Jubiläums erneut gezeigt.
Isländische Genussmomente zum Bolludagur
Bolludagur
Wenn in Island der Winter langsam seine Kraft verliert und die Tage wieder heller werden, beginnt eine der charmantesten Traditionen des Landes: Bolludagur, der isländische „Bollentag“. An diesem Tag – immer am Montag vor Aschermittwoch – dreht sich kulinarisch alles um die köstlichen, mit Sahne gefüllten Brandteigkugeln, die Bollur.
Die Vatnsdeigsbollur gehören mittlerweile zu den beliebtesten Varianten – luftig, leicht und herrlich cremig.
Ein Hauch Kindheit und ein Fest der Gemütlichkeit
Für viele Isländer:innen ist Bolludagur ein nostalgischer Feiertag. Kinder dürfen ihre Eltern mit bunten Stöckchen „wecken“ und bekommen für jeden Schlag einen „Bolla“ versprochen. Die Bäckereien füllen ihre Auslagen mit Bergen von gefüllten Teigkugeln – mit Schokolade, Karamell, Vanillecreme oder Sahne.
Doch mindestens genauso schön ist es, die Bollur selbst zu backen. Der klassische isländische Brandteig, Vatnsdeig, gelingt überraschend leicht und sorgt für lockere, goldbraune Teighüllen, die man nach Herzenslust füllen kann.
Rezept zum Nachbacken – Island auf deinem Kuchenteller
Mit unserem Rezept für Vatnsdeigsbollurkönnen Sie Bolludagur ganz einfach selbst feiern. Luftiger Brandteig, cremige Vanille-Sahne und eine zarte Schokoladenglasur machen sie zu einem Highlight im Spätwinter – oder wann immer Sie sich nach einem Hauch Island sehnst.
Wenn die Mischung sprudelnd kocht, das Mehl auf einmal zugeben.
Sofort kräftig rühren, bis sich ein glatter Teigklumpen bildet, der sich vom Topfboden löst.
Den Teig 2–3 Minuten „abbrennen“, dabei ständig rühren, bis sich am Boden ein weißlicher Film bildet.
Den Teig in eine Schüssel geben und 5 Minuten abkühlen lassen.
Die Eier nacheinander unterrühren, bis eine glänzende, zähfließende Masse entsteht.
2. Backen
Backofen auf 200°C Ober-/Unterhitze vorheizen.
Mit zwei Löffeln oder einem Spritzbeutel kleine Teighäufchen auf ein Backblech setzen.
25–30 Minuten goldbraun backen.
Wichtig: Den Ofen während des Backens nicht öffnen!
Auf einem Gitter auskühlen lassen.
3. Füllen und Glasieren
Sahne mit Zucker und Vanille steif schlagen.
Die abgekühlten Bollur halbieren und mit der Vanillesahne und Marmelade (am besten schmeckt Erdbeermarmelade) füllen.
Schokolade mit Butter schmelzen und die Oberteile der Bollur damit glasieren.
Zusammensetzen und sofort genießen.
Guten Appetit – eða Verði þér að góðu!
Vielleicht genießen Sie Ihre Bollur schon bald in Island – nach einem langen Tag voller Wasserfälle, Gletscher oder Hot Pots. Und bis dahin bringen diese kleinen, süßen Kugeln ein bisschen isländische Wärme zu Ihnen nach Hause.
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